Die Anpassungsstörung

Die Anpassungsstörung

Es ist 01:17 Uhr, als ich halb wach mit verklebten Augen auf die Uhr des Backofens starre. Das ist nun schon das dritte Mal in dieser Woche, dass meine Nacht in etwa zu dieser Uhrzeit beendet ist. Mein Körper sendet mir aus der Magengegend ein flaues Gefühl. Eine leichte Art von Übelkeit. Dieses Gefühl trage ich jetzt schon mehrere Tage mit mir herum. Ich lasse mir von dem Vollautomaten einen Kaffee brauen. Normalerweise belasse ich es zu dieser Uhrzeit bei einem Tee. Da ich jedoch deutlich spüren kann, dass ich mich nicht wieder gegen 4 Uhr hinlegen werde, fahre ich das morgendliche Standardprogramm.

Die Dämonen

Und schon geht es los. Die böse Stimme in meinem Kopf sagt zu mir Sätze wie: „Was bist du für ein Idiot! Wie oft brauchst du es noch? Wie konnte es schon wieder passieren? Wieso machst du deine Doofheit öffentlich? Alle lachen über dich!“
Ich denke mir, wie viel kann ein Mensch an Schmerz ertragen? Nicht den physischen, der ist ja individuell, dafür aber den seelischen.
Spannungskopfschmerzen drücken mir die Birne zusammen. Die kenne ich schon, hatte ich mal knapp 3 Jahre am Stück. Der Kopf fragt sich, wie lange macht ein Körper solche Zustände überhaupt mit und wie viel Lebenszeit bleibt eigentlich noch? Da meldet sich auch wieder der Bauch.
Aber auch suizidale Gedanken tauchen auf. Einfach die Kugel in den Kopf jagen, dann ist es vorbei. Beim tauchen im Pool einfach mal Wasser in die Lunge saugen. Nein sagt der Überlebensdrang, alles doof aber irgendwie trotzdem spannend. Also lieber am Leben bleiben.

Nur eine Anpassungsstörung

Ich befrage die Grok KI. Der beschriebene Zustand passt auf die Definition einer Anpassungsstörung. Häufig beobachtet bei Trennungen, Existenzängsten oder anderen einschneidenden Erlebnissen, die das Leben so bieten kann. Dort lese ich: Im Gegensatz zu schweren Störungen wie einer Depression oder einer generalisierten Angststörung ist die Anpassungsstörung meist milder und zeitlich begrenzt. Sie gilt als eine Art „Übergangsstörung“, die entsteht, wenn die eigenen Bewältigungsressourcen vorübergehend überfordert sind.
Nun gut, das passt, denke ich mir. Dennoch geht es mir damit kein bisschen besser. Die Ursachen? Ganz klar ein Gefühl des Scheiterns im Beruf, die Erkenntnis darüber wirklich keine Fehler ausgelasssen zu haben, die Wiedererinnerung und Aufarbeitung alter Erlebnisse und das Antrainieren neuer Verhaltensweisen.

Tabula Rasa

Ich besitze die Tendenz, Dinge konsequent aufzugeben, wenn ich keinen Sinn mehr darin sehe. Oft genug zelebriert. Inklusive Zerstörung aller geschaffenen Werke. Also Weichen stellen für einen Neuanfang. Ferngesteuert von diesem Automatismus rufe ich die Homepage zu meinem Webhoster auf und klicke auf „Kündigen“.

Vergangenheit

Vergangenheit ist Vergangenheit, sage ich gerne. Allerdings sehen Gehirne das ganz anders. Vergangenheit bedeutet Prägung und Programmierung. Ich erfahre aus solider Quelle, dass ich wie so viele Kinder in der damaligen Zeit misshandelt wurde. Bis dahin wusste ich nur von einigen wenigen Ereignissen. Zusätzlich kommen meine Erlebnisse als Autist wieder zutage.
Zwanghaft fährt mein Gehirn in Form einer Kamerafahrt sämtliche erinnerbaren Erlebnisse ab und vergleicht das mit meiner aktuellen Erkenntnis. Ohnmächtig von der Erkenntnis, dass ich jetzt wieder Monate damit beschäftigt sein werde, ergebe ich mich meinem Schicksal.

Tag 10

Die Symptome klingen langsam ab. Ich komme wieder zur Besinnung. Regelmäßige Aktivitäten in der freien Natur lassen mich abschalten. Kündigung rückgängig machen, Depot auf den aktuellen Wissensstand anpassen, Abstand schaffen und einige Tage lang bewusstseinserweiternde und trübende Substanzen einnehmen. Alle paar Jahre, vorzugsweise bei einschneidenden Erlebnissen, ziehe ich das mal durch. Ansonsten gilt bei mir immer: Keine Macht den Drogen! Nach drei Tagen habe ich auch das hinter mir. Nur der Abgleich mit der Vergangenheit bleibt selbstredend.
Keine einzige Träne wurde in diesen Tagen vergossen, stumpf habe ich alles beobachtet und notiert.

Blog

Weitermachen will ich irgendwie schon. Mich selbst boykottieren hingegen nicht mehr. Die Zentrale glüht. Erste Entwürfe gehen raus. Erst mal wieder klein anfangen. Nach und nach kommen neue Ideen. Dennoch spüre ich einen deutlichen Abstand. Vermutlich ein Schutzreflex.

Alltag

Jeden Tag Kamerafahrten, Konsum von Profi-Lektüre, Neuprogrammierungen und alltägliche Ablenkungseinheiten. Auch mal wieder mit dem Motorrad einfach sinnlos herumfahren. Es gibt so viel zu tun, wenn man denn will.
Alte Muster werden plötzlich genauso gut erkannt wie das uralte Programm meiner Mitspieler. Ich lasse mich kaum noch drauf ein. Unzählige Male am Tag denke ich ein sauberes und klares „Nein“. Egal ob am Kapitalmarkt oder in der Beziehung.

Finanzpornografie

Ich stelle fest, fast alles im Netz ist Lug und Trug. Nicht böswillig, aber wer bleibt schon bei der ganzen Wahrheit. Außerdem fühlt es sich richtig schlecht an, wenn man feststellt, dass der Post vom vorletzten Dienstag ein totaler Rohrkrepierer geworden ist. Wie verantworte ich das?
Ich lege meine Aktivität zu 100 % still. Raus aus der Echokammer und nur noch lesenden Zugriff in der sorgfältig angepassten Timeline. Autistengerechter Content von Buffett und Munger, das ist, was ich jetzt brauche. Hin und wieder auch etwas Greifbares, man ist ja trotzdem ein Mann.

Nachsitzen

Die 40 Investmentfehler von Florian Homm. Rauf und runter, bis es sitzt. Ständig meldet sich wieder das Affenbrain mit seinen Abkürzungen und primitiven Signalen. Nein, Nein und nochmals Nein. Weiterlesen in den Niederschriften der legendären Trader und Investoren. Nicht wie ein Automat, sondern absatzweise mit mehrtägigen Pausen. Ich will schließlich auch was lernen.

Auszeit

Kein Ego-Kram mehr, kein Lieferzwang, stattdessen ruhig bleiben, Klappe halten, Nein sagen und stillhalten. Allerdings nicht mehr mit Optionen. Hier bevorzuge ich die ehrlicheren Long Calls und Long Puts. Macht auch weniger Margin, welch feine Sache!
Wie lange wird die Auszeit wohl dauern? So lange es nötig ist!

Never give up!

Hinweis

Das ist kein Hilfeschrei sondern ein Erfahrungsbericht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert